Für die letzten drei USA-Beiträge habe ich wirklich lange gebraucht. Dafür gibt es tausend Gründe, aber entscheidend ist tatsächlich, dass ich gar nicht adäquat beschreiben kann, wie großartig diese Landschaft hier ist. Es ist schlicht so überwältigend, dass ich kaum mit dem Fotografieren nachkam, geschweige denn mit dem Schreiben der Texte.
Von South Dakota waren wir nun wieder Richtung Südwesten unterwegs. Schließlich wollten wir nach Utah, um dort die wunderschönen roten Felsenlandschaften zu sehen. Der Weg von den „Black Hills“ und Mount Rushmore in South Dakota nach Colorado führte erst einmal wieder durch eine riesige, heiße und trockene Hochebene. Jedenfalls kam mir das alles sehr heiß und trocken vor. In puncto Hitze und Trockenheit haben wir später allerdings noch ganz andere Lektionen gelernt.
Kurz vor der Grenze zu Colorado waren da dann doch plötzlich wieder Wälder, und die Temperaturen waren durchaus, sagen wir mal, kühl.

Sehr plötzlich ist es uns aufgefallen: Es ist Herbst geworden. Die Espen hatten schon ihre schönsten Herbstfarben aufgelegt, und wenn dann noch die Sonne herauskam, leuchtete der Wald in allen wundervollen Goldtönen. An unserem Übernachtungsplatz im Wald gab es morgens bereits Raureif auf den Blättern und Eis auf den Pfützen.

Colorado
Dann hatten wir es geschafft: Wir waren in Colorado angekommen. Ich weiß nicht, wie es euch geht, aber wenn ich „Colorado“ lese oder höre, muss ich immer an „Haribo“ denken und bekomme Lust auf etwas Süßes. Spaß beiseite: Schneebedeckte Berge, endlose Wälder und Natur pur – das war immer, was ich mir unter Colorado vorgestellt hatte. Wieder hat die Realität meine Vorstellung weit übertroffen.

Es gibt zwei Stränge der Rockies, die sich in Colorado nach Süden ziehen. Dazwischen liegt eine Hochebene. Wir sind also durch die Berge, entlang der engen Flusstäler, Richtung Denver gefahren.




Denver liegt auf der Hochebene zwischen den Bergzügen. Es hat ein riesiges Einzugsgebiet mit einem breiten Speckgürtel. An den Häusern und kleinen Städten rund um Denver war zu erkennen, dass es hier ausreichend Arbeit und Verdienstmöglichkeiten gibt. Die ganze Gegend strahlte einen gewissen gepflegten Wohlstand aus. Die Berge sind nur in der Ferne sichtbar.


Rocky Mountains National Park
Fast wären wir daran vorbeigefahren. Es ist uns oft sehr schwergefallen, die Entscheidung zu treffen, was wir uns anschauen und was wir auslassen. Trotz der vielen Zeit, die wir haben, ist es einfach unmöglich, alles zu sehen. Der Rocky-Mountains-Nationalpark wird nicht im gleichen Atemzug mit Yellowstone oder Yosemite genannt, obwohl er den Vergleich nicht zu scheuen braucht. Nach einem intensiven Studium des Reiseführers haben wir beschlossen, den Park zu besuchen. Also machten wir uns auf den Weg nach Estes Park, der Stadt am Eingang zum Park.
Estes Park
Nur um es noch einmal klarzustellen: Es ist mittlerweile Oktober geworden, und die Berge hatten schon die ersten Schneemützen auf. Trotzdem war es hier in Estes Park noch so voll, dass kein günstiger Campingplatz zu bekommen war und der Eintritt zum Park zwischen 8 und 16 Uhr nur mit Voranmeldung erlaubt war. Die Campingplätze im Park waren ebenfalls alle voll, also sind wir auf einen „KOA“-Platz ausgewichen. Der kostet so viel wie ein Hotelzimmer, bietet aber allen Komfort – mit Waschräumen, in denen man sprichwörtlich vom Boden essen könnte.
Estes Park ist eine gemütliche Kleinstadt mit einer lebendigen Shoppingmeile und netten Restaurants.


Am Abend gab es dann ein Farbenschauspiel, das den Preis für den Campingplatz fast schon wieder ausgeglichen hat.

Da wir keine Reservierung hatten und am Eingang zum Park auch nicht ewig in der Autoschlange stehen wollten, sind wir einfach schon um 7 Uhr in den Park gefahren. Kein Mensch weit und breit – so soll das sein.






Das Licht war toll, und es gab kein Gedrängel auf den Parkplätzen. Das macht sich auch der ein oder andere zunutze und schaut mal, ob denn etwas Brauchbares zurückgelassen wurde.

Natürlich sind wir auch wieder einen seniorentauglichen Trail gelaufen. Auf dem Gipfel hatten wir einen sagenhaften Weitblick, der immer noch mehr Lust darauf machte, in die Ferne zu reisen.





Am anderen Ende des Parks befinden sich zwei kleinere Stauseen. Um diese herum hat sich ein Publikum angesiedelt, das ich so beschreiben würde: „Honeeeey, wir brauchen dringend ein Wochenendhaus in den Bergen. Es soll aussehen wie eine Hütte, aber viiiiiel größer und viiiiel komfortabler – mit eigener Auffahrt und natürlich gaaaaaaaanz individuell. Zum Einkaufen muss hier nichts sein, das kann das Personal dann, wo auch immer, erledigen.“


Der Campground war nett, aber da es keinen Stromanschluss gab, mussten unsere Nachbarn den ganzen Tag den Stromgenerator laufen lassen, auch wenn sie nicht da waren. Aber ich bin mir sicher, dass Karma auch da zuschlägt. Der Generator war kein kleiner, billiger aus China, sondern ein großer, schwerer Honda, der in die Ladeklappe gehievt werden musste. Der nächste Bandscheibenvorfall steht auf alle Fälle schon im Kalender.
Umland Aspen
Wir sind natürlich auch an Aspen, dem St. Moritz der USA, vorbeigefahren. Aber der Skizirkus hatte noch nicht begonnen, und die Landschaft ist einfach schön.



Black Canyon of the Gunnison
Der nächste Stopp unserer Tour. Es ist genau, wie Rainer es immer sagt: „Wenn man nichts erwartet, ist die Überraschung am schönsten.“ So war es hier auch. Ein kleiner Fluss, der jetzt im Spätjahr auch als Bach durchgehen könnte, hat eine 555 Meter tiefe Schlucht gegraben.

Vom nördlichen Rand zum gegenüberliegenden Rand sind es nur 345 Meter; die Schlucht ist noch einmal 200 Meter tiefer. Es sind wunderschöne schwarze Felsen, durchzogen mit weißen Quarzlinien. Das Licht kommt im Herbst wegen der schrägen Sonne nur noch an den wenigsten Stellen bis ganz auf den Fluss herunter. Lasst euch ein bisschen Zeit für die Bilder, bis sich die Einzelheiten sehen lassen.




Mir wurde es zwischendurch ganz schön mulmig, und ich habe mich mehr als einmal beim Fotografieren am Geländer festgekrallt. Der ganze Canyon ist ein Paradies für Kletterer. Ich bewundere ihren Mut. Keine 10 Pferde bekämen mich hinter die Absperrung.

Sorry, die Bilder haben manchmal seltsame Blautöne, aber die Licht- und Schattenverhältnisse waren so extrem, dass ich mit meinem hobbyfotografierenden Wissen nicht mehr herausholen konnte.
Grand Junction
Das Tor zu Utah. An diesem Ort fährt man aus den Bergen heraus auf eine unendliche Ebene. Es sieht fast aus wie eine mit dem Lineal gezogene Linie. Auf der einen Seite sind Wälder, Seen und Berge, auf der anderen Seite ist Wüste. Der Campingplatz lag direkt am Colorado River, aber das Grün am Fluss war nur ein paar Meter breit. Dann begann der Sand. Es war ein sehr schöner Platz mit allem Komfort, großen Einzelduschen und einem Waschsalon. Am allerbesten aber ist der große Gemeinschaftsraum mit kostenlosem Kaffee, TV, großer Couch und Laptop-Arbeitsplätzen. Alles voll klimatisiert. Klingt jetzt nach „Weichei“, aber es hatte im Oktober tagsüber immer noch 40 Grad, und Wüste heißt eben auch: kein Baum, kein Strauch, kein Schatten. Unsere Klimaanlage im Auto funktioniert nur bei laufendem Motor, aber nicht, wenn wir irgendwo stehen.
Hier habe ich zum ersten Mal gelernt, dass ein Fluss in der Nähe nicht zwangsläufig auch Abkühlung bedeutet. Ein Fluss, der bei dieser Hitze hunderte von Kilometern durch Farm- und vor allem Weideland fließt, ist nicht mehr klar. Es ist eine trübe, algengrüne Brühe, in die ich keinen Fuß eintauchen möchte. Allein die Vorstellung, wie viele Rindviecher über die ganze Strecke hinweg an den Ufern gelegen haben, getrunken und geka… Na ja, ihr könnt es euch vorstellen.
Utah
Kurzfassung Utah: Viel Wüste, grüne Flusstäler und malerische rote Felsen. Stimmt alles, beschreibt aber die Magie von Utah nicht einmal im Ansatz. Fangen wir am Anfang an.
Moab
Auf dem Weg zur Stadt wechseln sich dramatische Felsformationen mit lebendigen, grünen Flusstälern ab. Dramatisch wird es, wenn die Sonne untergeht; dann fängt das Rot der Felsen an zu glühen.





Eine kleinere Stadt in Mitten der Wüste und der Felsen. Bekannt aus Film und Fernsehen, wie man in der Werbung sagt. Unzählige Western und Abenteuerfilme wurden hier gedreht. Eine der Haupteinnahmequellen ist heute der Tourismus. Es gibt exzellent ausgebaute Fahrrad- und viele Kilometer angelegte ATV Strecken.
Moab ist das Tor zu einem der schönsten und faszinierendsten National Park in den USA. Der Arches National Park. Jeder, der den jungen Indiana Jones unter den Felsbögen gesehen hat, weiß sofort um was es geht.
Bevor wir aber zum Park kommen ein paar Worte zur Wasserversorgung in der Wüste. Das Wasser kommt oft von weit her oder wird aus den artesischen Brunnen in große Zisternen gepumpt. Dort kommt erst mal ordentlich Chlor rein, damit es „sauber“ bleibt. Trinkwasser wird also in Flaschen gekauft. Aber dann gibt es diese Stellen! Zwar muss man in die kleine Höhle hineinkriechen, aber das Wasser aus der Quelle hat eine hervorragende Qualität. Auf dem kleinen Parkplatz davor stehen die Leute Schlange, um ihre Wasserbehälter zu füllen.

Arches National Park
Auch hier war der Eintritt tagsüber nur mit Reservierung möglich. Die zu buchenden Zeitslots waren auf Wochen hinaus belegt. Aber wie schon beim Rocky Mountain NP ist der Zugang vor 8 Uhr und nach 16 Uhr nicht mehr eingeschränkt, sodass man mit Frühaufstehen alle Vorteile nutzen kann: die Hitze am Tag vermeiden, die Reservierung und die Menschenmassen umgehen und natürlich den beeindruckenden Sonnenaufgang in einem der Felsenbögen bewundern. Allein ist man trotzdem nie, noch nicht einmal kurz nach 5 Uhr.
The Windows






Hier hat der Begriff „magische Momente“ eine neue Bedeutung bekommen, zumindest für die Zeit, bis es den von ihren Eltern mitgeschleppten Kindern kalt wurde und sie jammernd zwischen „Mama, mir ist kalt“ und „Mama, ich bin sooo müde“ schwankten. Um ehrlich zu sein, ich kann es verstehen. Mich hätte man als Kind morgens um 5 Uhr auch nicht mit einem kalten Felsen und einer schönen Aussicht begeistern können. Mittlerweile war es aber hell genug, und wir konnten dem Trubel entkommen und um die faszinierenden Felsbögen herumwandern.





The Great Hall
Seht euch die Bilder an. Ich habe nicht genug Worte, um diese großartigen Felsen zu beschreiben.





Der Park ist riesig und immer wieder kann man skurrile Felsformationen entdecken.




Tolle Picknickplätze im Schatten der Felsen.


Zum Schluss sind wir dann noch einmal einen kleinen Trail gegangen. Allerdings wurde es mittlerweile wieder so heiß (und so voll), dass wir nicht lange unterwegs waren.







Dead Horse Point
Der State Park liegt auf der Strecke zwischen dem Arches NP und dem Canyonlands NP. Erst waren wir etwas zögerlich, aber er ist den Zwischenstopp absolut wert. Man bewegt sich immer auf einer Hochebene und kann die tiefen Furchen (Canyons) erst sehen, wenn man am Rand eines der Canyons steht. Immer wieder schaut man über die tiefroten Schluchten und Felsen hinweg und kann sich kaum vorstellen, dass dies nicht der Mars ist.




Man blickt auf zwei Flüsse hinunter: den Colorado River und den Green River. Grün sind beide, und ich würde in keinen davon zum Schwimmen hineingehen. Zwischendurch sieht man große weiße Felder, auf denen Wasser zur Salzherstellung verdunstet. Auch hier wird die Hitze gegen Mittag so unerträglich, dass wir uns nur noch im Schatten des Autos aufhalten.




Immer wieder habe ich mich dabei ertappt, wie ich mit viel Sehnsucht die Wolken in der Ferne betrachtet und mir ein Gewitter herbeigewünscht habe. Tja, Pech gehabt – Regen: Fehlanzeige!
Canyon Lands National Park
Früh aufstehen wurde zu unserer Geheimwaffe gegen die Hitze. Nachmittags saßen wir nur noch im Schatten des Autos und tranken viel Wasser. Je weiter wir in den Süden kamen, desto unglaublicher wurden die Sonnenaufgänge.



Auch hier wieder der unbeschreibliche Blick von der Hochebene über die tiefen Schluchten und die wunderschönen Felsformationen.




Und da waren sie dann: die ersten in den Fels gebauten Siedlungen, die älter sind als die Geschichtsschreibung in den USA. Sie sind so alt wie die französischen Felssiedlungen am Tarn und an der Dordogne. Mag sein, dass die USA keine lange Geschichte hat, aber der Kontinent hat sie definitiv. Leider gerät das allzu oft in Vergessenheit.



Capitol Reef National Park
Ein Nationalpark wie ein „Überraschungsei“: außen herum Wüste, Sand und Felsen, und ein kleiner Fluss mit viel Wasser, der durch die Schlucht fließt.




Dann plötzlich weitet sich die Schlucht, und es gibt grüne Wiesen mit allen möglichen Obstbäumen darauf. Die Besiedlung und Nutzung der Flächen als Obstgärten geht bis zu den Ureinwohnern zurück. Petroglyphen an den Wänden zeigen die sehr frühe Besiedlung des Tales.






Heute steht inmitten eines wundervoll grünen Obstgartens ein kleines, altes Farmhaus, in dem sich ein kleiner Laden und eine Bäckerei befinden. Die beiden Touristinnen vor mir in der Warteschlange haben sich für je einen Kirschkern-Entsteiner entschieden. Keine Ahnung, warum man außerhalb der Kirschsaison so etwas braucht, um es dann im Koffer mitzuschleppen, aber was weiß ich schon. Ich vertraue darauf, dass mir Amazon einen nach Hause liefert, falls ich einen brauche, und habe stattdessen lieber 4 leckere, kleine Obstkuchen gekauft.



Auf dem Weg zum Bryce Canyon sind wir durch Farmland gefahren. Hier ein paar Eindrücke: Man sieht genau, wo bewässert wird, wo es Nutzland ist oder nur Weideland.



Bryce Canyon National Park
Es war zwar noch voll, aber nicht überfüllt, und es gab keine Wartezeiten beim Hineinfahren in den Park. Bryce Canyon ist ein sehr bekannter Park und darf bei einer Tour in Richtung Grand Canyon eigentlich nicht fehlen. Ich war etwas skeptisch, aber schaut euch die Bilder an. Solche Felsen-Schönheiten mit so viel Grün und so viel Wald sieht man hier unten selten.










So, das soll es für diesen Blog gewesen sein. Mir sind die Adjektive ausgegangen, mit denen ich die Gegend beschreiben könnte. Ich hoffe, ich finde bis zum nächsten Beitrag wieder welche. Wenn nicht, habt ihr vielleicht vergessen, welche ich schon benutzt habe.
Was mich wirklich verwundert hat, ist, wie heiß es um diese Jahreszeit hier noch ist. Wir sind nur ganz wenige Trails gelaufen, weil es uns schlicht zu warm war. Auch zum Abkühlen gab es nicht wirklich Gelegenheit. Wie ihr oben gelesen habt, waren die Flüsse nicht wirklich „einladend“.
Obligatorischer Cliffhänger
Glücklicherweise gab es später noch viele Stellen, vor allem tatsächlich am Colorado River, wo das Schwimmen richtig Spaß gemacht hat. Denn was wir absolut nicht erwartet hatten: Die Hitze war noch lange nicht vorbei. Beim nächsten Mal also: „Geschichten aus der Wüste, vom Wasser, von Stauseen und von erstaunlichen Städten“.
Bis bald. Bleibt gesund und glücklich.
Antje

