Wie ihr schon an der Überschrift erkennen könnt: Das wird wieder ein langer Blog – und es ist auch nur der erste Teil von Mexiko. Aber wie könnte ich auch nur einen kleinen Teil der wundervollen Erinnerungen an dieses wunderbare und atemberaubende Land auslassen?
Wir haben oft sehr viele verschiedene Reisende getroffen: solche, die wir schon von ihren YouTube-Reiseberichten kannten, solche, die – wie wir – aufgebrochen waren, um ihren Traum zu leben, und auch diejenigen, die schon seit mehreren Jahren Mexiko und die beiden amerikanischen Kontinente bereisen. Die meisten von ihnen erzählten uns immer wieder, wie unterschiedlich das mexikanische Festland von der Baja California sei.
Auf der Baja gibt es sehr viele amerikanische und kanadische Touristen, die auch längere Zeit am gleichen Ort bleiben. Fast jeder hat dort mit Tourismus zu tun, und beinahe alle sprechen ein bisschen Englisch.
Wir sind also mit der Erwartung aufs Festland übergesetzt, dass wir jetzt keinen einzigen Amerikaner mehr sehen würden – und dass unsere Spanischkenntnisse gleich auf eine harte Probe gestellt werden. Es kam jedoch nicht, wie wir es erwartet hatten.
Mazatlán
In Mazatlán angekommen, war das Erste, was wir beim Entladen der Fähre gesehen haben, der große Kreuzfahrtschiff-Hafen, an dem gerade einige Hundert Touristen ausgeladen wurden. Übernachten konnten wir auf einem großen, unbefestigten Parkplatz, der nur eine Querstraße vom Malecón entfernt lag.
Die Strandpromenade war vierspurig und elegant angelegt. Auf der Stadtseite reihten sich die Apartmentgebäude aneinander – und das Publikum war durchgehend weiß.


Beim Einkaufen im Supermarkt (Walmart) wurde uns klar: Diese Stadt ist fest in amerikanischer Hand. Es gibt Bushaltestellen für US-Senioren direkt vor dem Supermarkt, damit sie von ihren gemieteten oder gekauften Apartments ohne eigenes Auto zu ihren amerikanischen Produkten kommen können.
In der Altstadt gibt es einen überdachten Markt. Er bietet alles, was man sich nur vorstellen kann: Fisch, Fleisch, Wurst, Käse, Klamotten, Schuhe, Andenken, Kitsch, Gewürze – und natürlich auch kleine Essensstände. Während wir eine tolle, aromatische Hühnersuppe an einem dieser Stände gegessen haben, konnten wir die verschiedenen Touristengruppen aus den Kreuzfahrtschiffen beobachten, die eng zusammengerottet, mit neugierigen, aber misstrauischen Blicken von einem Guide durch die Hallen geführt wurden.
Bei den Andenken, Lederwaren und den gewebten Decken war die Hemmschwelle dann nicht mehr so groß wie beim Essen – und es wurde fleißig eingekauft.
Und ja, ich kann mich jetzt darüber lustig machen. Ich weiß aber noch ganz genau, wie ich mich bei meinem ersten Besuch in Ägypten gefühlt habe. Ich muss zugeben: Ich habe mich sehr oft wiedererkannt. Reisen erfordert einfach immer ein offenes Auge, ein offenes Herz, Toleranz – und vor allem auch den Mut, die eigenen Vorurteile zu überwinden.


Mazatlán hat eine sehr schöne Altstadt aus Kolonialzeiten mit vielen kleinen Kunsthandwerksgeschäften. Es hat sehr viel Spaß gemacht, durch die Gassen zu schlendern und in die kühlen, schattigen Innenhöfe zu schauen.
Hier haben wir zum ersten Mal eines der vielen individuellen Transportmittel ausprobiert, die es in Mexiko gibt: aufgebaut auf einer alten VW-Käfer-Basis, eine viereckige Kiste obendrauf, oben offen, mit Schattenverdecken – und schon ist das Taxi fertig. Kostet ein paar Pesos und ist so gut wie überall in der Stadt leicht zu finden.
Wohin jetzt weiter?
Irgendwie war ich noch nicht bereit, mich vom Meer zu verabschieden. Ich wollte noch mehr Meer! Also sind wir die Küste entlang Richtung Süden gefahren.
Hier ein paar Bilder, wie es zwischendurch so ausgesehen hat. Übernachtet haben wir direkt am Strand, in dem kleinen Ort Agua Verde. Mit Tourismus ist hier nicht viel. Große und kleine Fisch- und vor allem Garnelenfarmen wechseln sich hier ab.


Zwischendrin gab es dann noch eine kleine Saline.


Alta Vista
Es wurde nun doch ziemlich warm an der Küste (oh, wir Ahnungslosen), sodass wir einen kurzen Ausflug in die Berge gemacht haben. Ein sehr schöner Campingplatz mit traumhafter Aussicht auf den Pazifik.
Aus einer ehemaligen Farm hat die Familie einen großzügig angelegten RV- und Campingplatz gemacht. Zusätzlich gab es überdachte Bereiche mit Tischen und Stühlen für Feiern aller Art – nicht nur Hochzeiten, Schulabschlüsse und runde Geburtstage, sondern auch die Quinceañera (der 15. Geburtstag, an dem die Mädchen aussehen wie Prinzessinnen) werden hier mit der gesamten Großfamilie gefeiert.
Glücklicherweise waren von der ehemaligen Farm auch noch genug Obstbäume übrig – und der Besitzer hat uns großzügig mit frischem Obst versorgt.





Immer wieder sind uns auf Campingplätzen Cabañas mit Picknickbänken, Wellnessbereichen und Poolbars aufgefallen, die sehr schön angelegt waren, aber in den letzten Jahren einfach nicht instand gehalten wurden. Bewusst wahrgenommen haben wir das zum ersten, aber leider nicht zum letzten Mal auf diesem Platz.
Erst viel später, als wir mit einem Campingplatzbesitzer gesprochen haben, wurde uns klar, warum:
Bis 2008 haben Wirtschaft und Tourismus in Mexiko und auch in Zentralamerika geboomt. Entsprechend wurden Investitionen gemacht. Dann kam die erste Wirtschaftskrise – und die Touristen blieben aus. Viele Menschen mussten ins Ausland, um Geld zu verdienen. So einfach lässt sich ein Campingplatz nicht mehr zurück in eine Farm verwandeln.
Kaum hatte sich alles nach dem Neustart wieder halbwegs erholt, kam Corona. Wieder wurde die gesamte Existenzgrundlage ausgelöscht, und wieder mussten die Menschen weg von Zuhause, um zu arbeiten.
Die Erkenntnis: Es liegt nicht an mangelnder Sorgfalt. Manchmal hat man eben einfach keine Wahl.
Centro de Ceremonias la Pila del Rey
Auf der Karte habe ich einen Ort gefunden, der nur einen Meter von unserem Campingplatz entfernt eingezeichnet war. Es ist ein sehr alter Ort mit mystischer Bedeutung. Bis zum heutigen Tag werden dort heilige Zeremonien abgehalten, und mit bunten Bändchen werden Wünsche platziert.
In Mexiko ist das nicht zwingend heidnisch – die alten Kulturvölker verstanden es sehr gut, ihren Glauben und das spanische Christentum zu verweben.
Die Entfernung betrug Luftlinie zwei Kilometer, also haben wir uns mit dem Handy und Maps bewaffnet auf den Weg gemacht, um den Ort zu finden. Natürlich habe ich wieder mal etwas vergessen – und Rainer ist zum x-ten Mal zurück zum Auto gelaufen.

Nach zwei Stunden in der Hitze – die Straße rauf und runter, ohne auch nur den Hauch einer Idee, wohin wir eigentlich gehen sollten – haben wir aufgegeben.
Als wir zurückkamen, stand unser Gastgeber mit einer Broschüre über die Entdeckung und Bewahrung dieser heiligen Stätte vor uns. Selbstverständlich alles auf Spanisch – der Google-Übersetzer hat geglüht. Er fragte, ob wir auch dorthin möchten. Natürlich wollten wir!
Am nächsten Tag sind wir dann gemeinsam mit einer jungen Familie aus Québec (vier Kinder! Die Frau war gerade so dreißig) aufgebrochen – durch den Dschungel, über Stacheldrahtzäune und querfeldein.


Es war wirklich nicht weit – aber als wir endlich dort waren, hatte ich allein wegen der Hitze schon einen knallroten Kopf und war fix und alle.
Die Mutter der vier Kinder hüpfte währenddessen leichtfüßig von Stein zu Stein und musste nicht einmal schwer atmen. Oh ja, ich war neidisch – sehr!
Vor Ort konnte man dann in das Wasserbecken des Ortes eintauchen, was die Kids natürlich sofort gemacht haben.


In der Broschüre über die Ausgrabungen war zu lesen, dass dieser Ort von ca. 500 v. Chr. bis ins 17. Jahrhundert als Zeremonialstätte genutzt wurde.
Anhand der vielen bunten Bändchen konnte man jedoch sehr deutlich sehen, dass es nie wirklich aufgehört hatte. Selbst die Bauern mit ihren Feldern und Weiden ringsherum haben dieses Stück Wald nie gerodet.
Die unzähligen Felsenschnitzereien sind nach und nach in diesem langen Zeitraum entstanden. Es gibt einen Jaguar, der leider nur noch an den Punkten im Fell zu erkennen ist – und für den Rest: Lasst eurer Fantasie freien Lauf.
Ich persönlich glaube, Däniken hätte seine Freude.





Die Rückkehr war kurz und schmerzlos – da ich so kaputt ausgesehen habe, hat unser Gastgeber seinen Sohn angerufen, der uns dann am offiziellen Eingang mit dem Auto abgeholt hat.
Das war sehr nett – aber es hat natürlich auch die Frage aufgeworfen, wo denn eigentlich die 200 Pesos pro Person für die Tour hängen geblieben sind.
Sayulita
Wieder zurück am Meer sind wir in der kleinen Stadt Sayulita gelandet. Wir konnten auf dem Parkplatz direkt am Strand für kleines Geld übernachten und hörten den ganzen Tag die Mariachi-Musik einer Live-Band vom Hotelstrand nebenan.
Ein schöner kleiner Ort mit einem sehr gepflegten Hafen und einem tollen Markt. Allerdings: Zwei Drittel der Leute auf der Straße waren Amerikaner – die Sorte, die in ein Café oder eine Bar geht, um dort „Wie immer“ zu bestellen.
Nach einem Rundgang über den Markt haben wir uns von unseren IKEA-Teppichen im Auto verabschiedet und einen bunt gewebten, mexikanischen Wollläufer gekauft.





Puerta Vallerta
Irgendwie hatte ich es nicht erwartet, aber Puerto Vallarta ist eine große Stadt – natürlich fest in der Hand amerikanischer und kanadischer Touristen. Es gibt hier ein großes Dock für Kreuzfahrtschiffe und folglich auch die umfassendsten touristischen Angebote.
Ich habe mich – sehr zum Leidwesen von Rainer – auf eine Bootstour zum Nationalpark Islas Marietas versteift. Da es einen Walmart mit öffentlichem (kostenpflichtigem) Parkplatz direkt gegenüber vom Hafen gibt, haben wir uns dort einquartiert. Man kann dort bis zu drei Tage parken.
Direkt am Parkplatz war eine Bushaltestelle für die in Mexiko weit verbreiteten „Collectivos“ – das sind Vans und Minibusse, die den öffentlichen Nahverkehr abdecken. Es gibt hier die beste Art von Ticket-/Kartenautomaten: keine! Nur Menschen, die laut ausrufen, wohin der Bus fährt, Fahrplaninformationen weitergeben und Touristen helfen. Letztendlich verkaufen sie auch die benötigten – und sehr günstigen – Tickets.
Damit es neben der Bootstour auch ein bisschen „Fun“ für Rainer gab, haben wir gleich noch eine ATV-Tour in die Berge gebucht.
Auf dem Parkplatz herrschte natürlich knallige Sonne, und nachts war es sehr laut – also haben wir uns einen anderen Platz zum Übernachten gesucht. Ein Parkplatz mit Beachzugang, am Fluss und sehr ruhig. Dort gab es hohe Bäume, und wir konnten im Schatten direkt am Wasser stehen. Nur ein sehr kurzer Weg zum Strand – und eine „Margarita“ – machten den Standort perfekt. Allein waren wir am Fluss allerdings auch nicht.



Bootstour Islas Marietas
Das Hafengebäude ist in einem schönen und luftigen Kolonialstil gebaut – aber neu. Hier legen die Kreuzfahrtschiffe an, und die Passagiere haben direkten Zugang zu den zahlreichen Touranbietern, ohne auch nur den Hafen verlassen zu müssen.
Am Morgen, bei Sonnenaufgang, haben wir in einem großen Katamaran den Hafen verlassen. Ich muss zugeben: Der Veranstalter, bei dem wir gebucht hatten, war nicht der billigste – aber in puncto Organisation, Verständlichkeit, Verlässlichkeit, Crew und Freundlichkeit wirklich unschlagbar.
Es gab „Last Minute“-Informationen und auch noch einmal den nachdrücklichen Hinweis, sich in dem kleinen Laden Reisetabletten zu besorgen – was sich wenig später als sehr nützlich herausgestellt hat.

An diesem Morgen hatten wir Pech. Der Himmel war den ganzen Vormittag grau. Dazu kam der entscheidende Faktor: Wind – und mit dem Wind die Wellen.
Nach einer halben Stunde stand ich nur noch und habe mich intensiv mit dem Horizont beschäftigt. Rainer kam dank der Reisetablette gut zurecht. Doch die ersten älteren Damen an Bord verlangten, dass man sofort umkehren solle.
Ein Gast gab eine oscarreife Vorstellung, wie man den „heiligen Ulrich“ anbetet – und er hätte sicherlich auch einen zweiten Preis für die Soundeffekte bekommen. Seine deutlich jüngere Frau saß währenddessen weiterhin vorn am Bug und überließ ihn einfach sich selbst.
Die Animateure und zwei Profi-Fotografen an Bord haben das dann übernommen. Beim Programmpunkt „Schnorcheln“ hat ihn seine Frau mehr oder weniger ins Wasser gezerrt – und er musste schwimmen gehen. Zum Glück waren Schwimmwesten Pflicht. Ich bin mir nicht sicher, ob er sonst mit dem richtigen Ende oben geblieben wäre.

Die Inseln sind ein Nationalpark zum Schutz der dort lebenden Vogelkolonien – vor allem des Blaufußtölpels, der sonst nur noch auf den Galapagos-Inseln vorkommt.
Die Fotos konnten die wunderschöne Natur und die schroffen Felsen leider nicht so einfangen, wie ich es mir gewünscht hätte.



Auf diesem Bild sieht man in der Mitte einen hellen Fleck – das ist der Eingang zu einer Cenote, die nur schwimmend und vom Meer aus zu erreichen ist.
Es ist nicht weit zu schwimmen, aber die Strömung ist stark – und der Wellengang war mir zu tricky.

Kurzer Einschub: Weite Teile im Süden Mexikos, wie auch die Halbinsel Yucatán, bestehen aus Kalkstein. Über Jahrtausende bilden sich dort riesige (Tropfstein-)Höhlen, die vom Regenwasser ausgewaschen werden. Irgendwann stürzt das Dach einer solchen Höhle ein – und es entsteht ein großes Loch, meist mit einem Fluss oder See in der Mitte, manchmal sogar mit Zugang zum Meer. Das ist dann eine Cenote.
Natürlich gab es auch noch andere sportliche Betätigungen wie Kajakfahren, Surfen oder Schwimmen. Das Wetter wurde besser, und ich war schwimmen – und habe mich von den Wellen im Sand panieren lassen.
Und ja – der arme Kerl von eben musste auch noch Kajak fahren.
Abendessen gab es in einem sehr schönen Restaurant, das ganz idyllisch vom Dschungel umgeben war.



Auf der Heimfahrt war das Meer wieder ruhig, und die Stimmung bei allen bestens. Die Crew hat noch eine kleine und wirklich lustige Entertainment-Einlage gemacht – damit waren alle wieder versöhnt und zufrieden.
Der absolute Höhepunkt war dann aber ein kleiner Wal, der im Meer gespielt hat. Erst ist er nur ab und zu aus dem Wasser gesprungen. Als wir dann etwas näher kamen, tauchte seine Mama kurz auf, betrachtete uns – und erklärte uns offenbar für harmlos. Sie ist wieder abgetaucht, und der Kleine hat eine volle Show geliefert: rein und raus aus dem Wasser, Drehungen im Sprung, große Platscher.
An dieser Küste sind die Touranbieter verpflichtet, Natur und Tiere zu schützen – und sie nehmen das sehr ernst. Wir sind also nach kurzer Zeit wieder in Richtung Hafen abgedreht, um die Tiere nicht länger zu stressen.
Das fand der Kleine doof und ist uns noch ein paar Mal hinterhergesprungen – bis ihn seine Mama zur Ordnung gerufen hat.

ATV Tour
Zum Ausgleich machten wir am nächsten Tag eine ATV-Tour. Auch hier wieder: faire Preise und volle Leistung. Ich hatte noch ein bisschen Hin-und-Her-Handeln vor Ort erwartet – aber nein, was versprochen wird, ist auch wirklich in jeder Tour enthalten. Das war eine sehr schöne Erfahrung.
Wir wurden morgens abgeholt und einmal quer durch die Stadt zum Veranstalter gefahren. Dort wurden wir mit Helm, Brille und Bandana gegen den Staub ausgestattet – und dann ging’s los. Auch bei dieser Tour fuhr ein Fotograf mit und machte an allen interessanten Stellen Fotos.


Vorbei an einem Aussichtspunkt, von dem aus man Puerto Vallarta und die Küste sehen kann, ging es weiter bis zu einem in den Bergen gelegenen Fluss mit einem kleinen Restaurant.
Hier konnte man zusätzlich noch Ziplining machen – aber ich riskiere es nicht, mit dem Po den Fluss entlang zu schleifen.
Das Servicepersonal im Restaurant war allerdings an Niedlichkeit nicht zu übertreffen.
Schaut euch meine Jacke an – eigentlich ist sie schwarz.






Mascota
Nun war es so weit: Wir haben uns vom Meer getrennt und sind ins Landesinnere abgebogen. Hier konnte man endlich den deutlichen Unterschied zur amerikanisierten Baja spüren, den uns die anderen Traveller immer wieder versprochen hatten.
Innerhalb weniger Kilometer nach Puerto Vallarta sind wir in einer anderen Welt angekommen.
Auf der „Ruta de Tequila“ sind wir nun in Richtung Mascota gefahren. Und natürlich sieht man sofort überall die Agavenfelder.

Aber auch Berge und (wenn auch trocken) aber Bäume und Wälder.

In Mascota hatte ich zum ersten mal das Gefühl in Mexiko angekommen zu sein. Hier ist nicht alles in Englisch, Läden sind nicht größer als ein Wohnzimmer und jeder kauft sich sein Frühstück, Tamales oder Empenadas, auf dem Weg zur Arbeit, auf der Straße an einem der vielen Ständen.



Bewusst habe ich hier auch zum ersten Mal einen traditionellen Friedhof mit den bunten Gräbern gesehen.

Übernachtet haben wir an einem Fluss. Da es Freitagnachmittag war, kamen ein paar Jungs vorbei und tranken dort ein Feierabendbier. Sie brauchten ein bisschen, um den Mut zu sammeln – aber dann haben sie Rainer mit einem „Oye Gringo“ auf ein Bier eingeladen.
Er hat sehr freundlich abgelehnt und gesagt, dass er kein Bier trinkt. Man konnte gut sehen, dass wir Gringos in ihren Augen nun komplett „gaga“ geworden sind.
Nach einer Weile – Mama hatte zu Hause das Essen fertig – sind sie wieder aufgebrochen. Leider sind die ganzen Bierdosen und Flaschen einfach auf dem Boden liegen geblieben. Schade eigentlich.
Die Fahrt durch die Berge war sehr interessant. Die Agavenfarmen wechselten sich mit Viehfarmen ab. Alles war dicht besiedelt, und zwischendurch tauchte immer wieder eine kleine Stadt auf.
Das hier ist San Martín de Hidalgo..


Mir ist klar, dass jetzt die „Wie kann man nur …“-Reaktion kommt. Ja, wir haben die Stadt Tequila ausgelassen.
Erstens: Wir trinken kaum Alkohol – und eine Flasche Tequila rumschleppen ist einfach doof. Zweitens: In dieser Zeit haben wir täglich Bilder auf Insta und WhatsApp gesehen – immer von Touristen vor dem einen Tequila-Fass, in derselben Brennerei. Da wollten wir uns einfach nicht einreihen.
Wir sind also geradewegs auf den Lago de Chapala zugesteuert – immer mit dem Gedanken im Hinterkopf, dass wir vielleicht eine Runde schwimmen gehen könnten.
Angekommen standen wir im Stau. Absolutes Verkehrschaos rund um den See. Merke: Nur weil wir als Rentner kein Zeitgefühl mehr haben, heißt das nicht, dass der Rest der Welt nicht am Wochenende unterwegs ist.
Glücklicherweise gibt es einen etwas kleineren See in der Nähe – die Laguna de Cajititlán. Hier gibt es Pelikanschwärme und einen super Campingplatz mit Pool zum Übernachten: Udo’s Farm – ein Nürnberger, der seine Zelte in Mexiko aufgeschlagen hat. Sehr schön – seht selbst.

Guanajuato
Udo hat uns einige Orte ans Herz gelegt, die wir nicht verpassen sollten. Guanajuato war einer davon.
Wenn wir größere Entfernungen am Stück fahren wollten, haben wir uns immer für die mautpflichtige Autobahn entschieden – aber auch hier ist entspanntes Fahren kaum möglich. Oft gibt es vor Steigungen oder Brücken Schlaglöcher in der Straße, die ganze Autos schlucken könnten. Wer hier nicht aufpasst, hat schnell einen hohen Achs-Verbrauch!
Guanajuato ist einer der bekanntesten „Pueblos Mágicos“. So werden in Mexiko die bunten Dörfer und Städte aus der Kolonialzeit genannt. Die Altstadt liegt auf mehreren steilen Bergen – besiedelt ist hier selbst der letzte kleine Felsvorsprung. Glücklicherweise wussten wir vorher nicht, wie eng hier alles ist – sonst wären wir womöglich gar nicht hineingefahren.
Die Stadt ist vollkommen untertunnelt: Einige Tunnel sind nur für Fußgänger, andere für Autos – oder beides gemischt. Oft führen die Straßen oberirdisch in die Stadt hinein, während fast alle Wege aus der Stadt unterirdisch verlaufen. Man muss also erst mal den richtigen Tunnel finden, um herauszukommen. Das macht es auch nicht gerade einfach, ein Uber zu bestellen – es kann gut sein, dass man zwar am „gleichen Standort“ steht, aber einer oben und der andere unten. Das sieht man in Google Maps nicht.
Übrigens: Uber wie auch Taxis sind hier sehr günstig, zuverlässig und sicher.
Endlich angekommen – total kaputt und ohne wirklichen Plan – sind wir einfach den ersten Schildern gefolgt, die uns angesprochen haben: Museo de las Momias. Ich dachte irgendwie an Mumien aus Mayagräbern und hoffte, damit einen guten Einstieg in die Welt der Mayas zu bekommen. Oh je – weit gefehlt.
Mitten in den ältesten, engen Gassen, auf einem der steilen Hügel:

Hat das Museum gehalten, was es versprochen hat? Ja – nämlich Mumien. Keine älter als etwa 200 Jahre.
Die Erde dieser alten Silberminenstadt ist so mineralisch, dass die beerdigten Leichname nicht verrotten, sondern einfach nur austrocknen. Da das schon sehr früh zu einem Platzproblem auf dem Friedhof führte, hat man die Toten der Reihe nach an der Wand der Kirchenkrypta aufgestellt. Dort wurden sie dann regelmäßig von ihren Familien besucht.
Ausgestellte Bilder aus den 1950ern zeigen Angehörige, die ihre toten Familienmitglieder in den Arm nehmen und küssen. Ein Geschäft in der Stadt hat den Sarg mit der mumifizierten Geschäftsgründerin neben dem Eingang stehen.
Ich weiß nicht genau, wie ich dazu stehen soll – für uns wäre es respektlos, die Toten so auszustellen. Aber gerade hier in dieser Gegend ist der Tod – und der Umgang mit ihm – ein ganz anderer.
Um ein besseres Verständnis dafür zu bekommen, empfehle ich euch den Film Coco von Disney. Ich glaube, man kann die Vermischung der Welt der Toten und der Lebenden nicht besser und gefühlvoller beschreiben.


Nach dem Besuch des Museums waren wir nicht nur durch die Fahrerei platt, sondern auch durch all die Eindrücke, die wir hier gesammelt hatten. Also haben wir nach einem Platz gesucht, von dem aus wir am nächsten Tag mit dem Uber und zu Fuß die Altstadt erkunden konnten – ohne erneut enge, steile Gassen mit Gegenverkehr meistern zu müssen.
An einem Wasserreservoir haben wir einen total schönen und nachts erstaunlich ruhigen Platz gefunden. Das Reservoir wurde 1852 fertiggestellt und sammelt in der Regenzeit das Wasser eines kleinen Baches. Als wir dort waren, war es zum großen Teil trocken.
Der Bau ist sehr schön und aufwendig – damals wurde eben noch liebevoll gebaut und verziert.







Beim Spaziergang um den trockenen See haben wir sehr schnell die dunkle Seite der Zivilisation kennengelernt. Rund um das Ufer waren Picknick-Bereiche mit Tischen und Bänken angelegt – aber keinen Schritt konnte man machen, ohne über Plastikflaschen und Glasscherben zu steigen.
Kein Mensch hat hier je sauber gemacht. Warum die Leute nicht wenigstens den groben Müll wieder mitnehmen, sodass sie auch künftig an einen schönen Ort zurückkehren könnten, werde ich nie verstehen.
Auch das Geldverdienen kann hier ganz anders aussehen: Ein älterer Mann hat mit einer Schaufel Kies aus dem Bachbett in Säcke gefüllt, um diese dann – einzeln – den Kilometer bis zur Straße zu tragen. In solchen Momenten wird mir erst klar, wie privilegiert wir eigentlich sind.
Am Abend kam dann noch die Polizei bei uns vorbei. Sie hatten gesehen, dass wir uns für die Nacht eingerichtet hatten, und wollten wissen, ob alles in Ordnung sei oder ob wir Hilfe brauchen.
Ein Land voller Gegensätze!
Mit dem Uber (1,20 €) sind wir am nächsten Morgen in die Altstadt gefahren.








Die Stadt ist stark von Don Quijote geprägt. Es gibt mehrere große Statuen und sogar ein Museum, das sich ganz dieser Figur widmet. Nicht Cervantes – tatsächlich nur der fiktiven Figur selbst.


Das Teatro Juárez ist in den engen Gassen schwierig von außen zu fotografieren – die Innenräume sind jedoch fantastisch.




Mit der Zahnradbahn sind wir auf einen der Berge gefahren und hatten einen unglaublichen Blick über die Stadt.
Auch die Nachtfalter sind hier anders – dieser hier war gute 13 cm lang.


Monarchfalter
Nach Stadt und Trubel sehnten wir uns wieder nach Ruhe und Natur – beides ließ sich in den Gebieten der Mariposas gut finden.
Es gibt mehrere große Schutzgebiete, in denen der Monarchfalter überwintert, um dann im Sommer wieder nach Nordamerika oder Kanada zurückzufliegen. Da sitzen tausende Falter in den Bäumen und warten nur darauf, dass es endlich warm genug wird, um loszufliegen.
Wir sind zum Santuario Sierra Chincua gefahren. Vom Parkplatz aus geht es noch eine Stunde (für mich: zwei) den Berg hinauf, bis man zu den Bäumen kommt, auf denen die Schmetterlinge sitzen.
Leider waren wir etwas zu spät dran – in diesem Santuario waren die meisten Monarchfalter bereits weitergezogen. Bekannte von uns sind noch zu einem anderen Reservat gefahren und konnten dort unzählige Schmetterlinge bewundern. Der Wanderweg dorthin war allerdings noch länger und steiler – das habe ich mir nicht zugetraut.




Der Eingang zum Schutzgebiet ist gleichzeitig eine kleine Siedlung. Alle, die eine Dienstleistung für Besucher anbieten, haben hier ihren Platz: Pferdeställe – denn nicht jeder möchte die Stunde den Berg hinauflaufen –, Hütten mit allem, was der Tourist so kaufen möchte, Restaurants, in denen noch die Mama kocht, und natürlich Guides, falls man den Weg nicht findet oder alles erklärt haben möchte.
Das haben wir allerdings nicht in Anspruch genommen – der Weg war ausgeschildert, und die Erklärungen auf Spanisch hätten uns nicht viel weitergeholfen.
Dafür haben wir dort gegessen und ein paar Andenken gekauft – und so die Community unterstützt.


Wie ihr seht, hatten wir den ruhigen Platz, den wir uns gewünscht hatten. Solange wir dort waren, hat ein Hund aus der Siedlung – tagsüber und vor allem nachts – auf uns aufgepasst. Keine Kuh konnte unbemerkt an uns herankommen. Sein Gehalt in Form von übrigem Kartoffelbrei mit Bratwürsten wusste er sehr zu würdigen.
Ich habe möglicherweise ein bisschen gehässig über die vielen Amerikaner geschrieben, die wir auf der Baja und hier an der Küste getroffen und beobachtet haben. Aber sie bedienten auch wirklich jedes einzelne Klischee: die Unsicherheit im Walmart, der Schreck und die Ablehnung, wenn sie von einem Einheimischen angesprochen wurden, die Besserwisserei und Arroganz uns gegenüber – weil wir ja keine „glücklichen Amerikaner“ waren. Die langen und ausführlichen Geschichten darüber, wie sie die Welt erobert hatten, die absolut unangebrachte Kleidung in den Städten – und zuletzt der Anspruch darauf, dass alles und jeder Englisch sprechen müsse.
All das war wie aus einem satirischen Film – und ich hatte einfach nicht die Größe, darüber hinwegzusehen.
Das gesagt, hoffe ich auf euer Verständnis.
Bis bald!
Liebe Grüße
Antje

























































































