Teil 1 Festland


Wir sind also in Ecuador angekommen. Der erste deutliche Unterschied: die Straßen. Sie waren schön asphaltiert, ohne Schlaglöcher und plötzliche Absätze. Das Fahren wurde hier deutlich entspannter, zumindest was die Qualität der Straßen betraf. Trotz allem erstaunten uns immer wieder die unterschiedlichsten logistischen Ansätze.

Als wir auf die Stadt Ibarra zugefahren sind, war ich alles in allem für den Anfang fast ein bisschen enttäuscht, viel Berge gab es hier ja nicht gerade.

Wir haben in Ibarra einen Platz zum Übernachten an einem großen Sportpark gefunden. Der Park, mitten in der Stadt, war mehrere Kilometer lang und hatte alles, was sich der Sportler so wünscht: lange Fahrradwege, separate Joggingstrecken, viele Spazierwege fürs Power Walking und dazwischen immer wieder Grünanlagen und Spielplätze.

Mir ist schon in Kolumbien aufgefallen, dass diese Freizeitangebote hier wesentlich intensiver genutzt werden. Sie bleiben sauber und werden nicht mutwillig zerstört.

Es gibt einen sehr auffälligen Unterschied zu unseren Parks: Alle 500 Meter gibt es eine Toilettenanlage, und es gibt rings um den Park immer ausreichend Parkplätze.

Am nächsten Morgen konnten wir erleben, wie viele Menschen aus allen Altersgruppen den Park genutzt haben. Nach dem ersten Kaffee und genauerem Hinschauen ist mir dann auch aufgefallen, dass ich beim Thema Berge etwas in die Irre gelaufen bin.

Schnee so nahe am Äquator hatte ich dann doch nicht erwartet.

Mitad del Mundo

In der Nähe der Stadt Quito wird der Äquator mit einer eigenen Parkanlage gefeiert. Der Aufgang zum Monument ist riesig und prunkvoll. Lange, prunkvolle Wege leiten auf das Gebäude im Mittelpunkt hin.

Auf der Ost- und der Westseite lassen sich Bilder mit der Äquatorlinie machen. Seltsamerweise ist auf der Westseite die Warteschlange immer lang, und man kann fast nie Fotos ohne andere Menschen machen. Geht man die paar Hundert Meter um das Monument herum auf die Ostseite, ist es schön leer, und man kann sich beim Fotografieren austoben.

Im Monument selbst gibt es einen Souvenirladen und ein paar kulturelle Ausstellungsstücke. Oben, direkt unter der Weltkugel, ist eine Aussichtsplattform, die einen Blick über die kleine Mitad del Mundo Touristenstadt zulässt.

Dort waren viele kleine Cafés und Souvenirläden zu sehen, aber auch das Gelände des Freilichtmuseums. Das Interessanteste, was wir von oben zu sehen bekamen, war eine runde Plattform mit 3 Meter Durchmesser, an der auf einem Gestell ein Handy festgemacht werden konnte, das dann die Plattform umkreiste. Der „Unternehmer“ bot Hüte, Ponchos und Musik an. Die Kunden verkleideten sich, stiegen auf die Plattform und tanzten, was das Zeug hält, während das Handy im Kreis um die Tanzenden sauste und Aufnahmen machte. Es gab eine lange Warteschlange. Sich zu amüsieren, laut zu singen, zu tanzen und sich dabei zu verkleiden, ist nicht (wie bei uns) peinlich, sondern ein Ausdruck der Lebensfreude. Es gab keine Einschränkungen. Alle Altersgruppen tanzten und filmten sich gleichermaßen begeistert.

Ich war immer der Meinung, mehr Selfie-Kultur als in Asien gibt es nirgends. Südamerika hat mich eines Besseren belehrt. Selbst auf Google Maps gibt es selten ein Bild nur mit Landschaft zu sehen. Es ist immer die Familie oder das Gesicht von jemandem im Vordergrund zu sehen.

In einem kleinen Café haben wir Rast gemacht und einen hervorragenden Kaffee getrunken.

Natürlich habe ich Rainer dann auch noch durch das Freilichtmuseum geschleppt. Es werden zwei Behausungen mit den typischen Einrichtungen und Werkzeugen gezeigt. Die erste eher in den Bergen und auf dem Land. Hier solltet ihr das Bild mit dem kleinen Gehege im Haus genauer betrachten.

Das zweite Haus zeigt eine Bauweise, die man in den Dschungeln der Pazifikküste und des Amazonasbeckens fand. Der Tisch war 20 cm hoch und mit Sand bedeckt, dort konnte also ohne Probleme ein Feuer in der Hütte gemacht werden, ohne sie abzufackeln.

Vor der Tür war ein kleiner Paddock mit zwei Babyalpakas, beide 6 Monate alt. Sie waren so süß und kuschelig! Die Rangerin hat mir etwas Klee zum Füttern gegeben. Das fanden die beiden gut, und ich durfte sie dafür sogar kraulen. Die kleinen Hufe sind perfekt, um Halt im steilen Gelände und in den Felsen zu finden. Die Wolle ist so zart und fluffig, dass kein kalter Wind durchkommt. Es ist einem nicht so bewusst, aber es ist ziemlich frisch da oben.

Was zum Abschluss dieses Kapitels noch bemerkenswert wäre: Beim Bau des Monuments Mitad del Mundo kam es aufgrund historischer Messmethoden zu Abweichungen. Das Monument wurde nach älteren französischen Vermessungen aus dem 18. Jahrhundert errichtet. Moderne GPS-Messungen zeigen jedoch, dass die geografische Äquatorlinie tatsächlich einige hundert Meter entfernt verläuft. Dem Gesamteindruck, direkt am Äquator zu stehen, schadet das absolut nicht.

Quito

Nächster Halt: Quito, die Hauptstadt Ecuadors und der Absprungpunkt für die Galápagos-Inseln. Es ist nicht ganz so einfach, hier einen Campingplatz zu finden, der nicht direkt in der Stadt liegt (zu laut), aber auch nicht zu weit außerhalb. Vor allem ist es mittlerweile fast überall so steil, dass es Straßen gibt, bei denen wir mit dem Auto passen müssen. Zu viel Gewicht und nicht genug Drehmoment und PS. Es gibt T-Kreuzungen an Steigungen. Wenn man da anhalten muss, weil ein anderes Auto Vorfahrt hat, ist es vorbei. Anfahren geht dann nur noch mit qualmender Kupplung und heulendem Motor oder eben gar nicht mehr. In Ecuador und später auch in Peru hat Rainer sich ganze Routen vorher auf Street View angeschaut, um zu prüfen, ob die Straßen breit genug und nicht zu steil sind.

Wir haben einen Campingplatz gefunden, der von einem jungen Pärchen geführt wird, das sich auf „Overlander“ spezialisiert hat. Sie wissen, wer wo was reparieren kann. Man kann das Auto stehen lassen, und sie bieten einen Flughafenshuttle an. Wir haben es also gemacht wie die meisten anderen auch. Wir haben uns ein paar Tage Quito angesehen und sind dann von dort aus auf die Galápagos-Inseln geflogen. Das Auto stand sicher und bewacht auf dem Platz.

Eine Haushaltshilfe hatte ich auch. Kein Krümel blieb zurück.

Die Aussicht auf Quito war atemberaubend, vor allem in der Abenddämmerung.

Ringsum waren einige Vulkane zu sehen, der schönste aber war der Cotopaxi. Er liegt oft in Wolken und zeigt sich nur sehr früh morgens und manchmal im Abendrot unverhüllt.

Altstadt

Die Altstadt von Quito ist weitläufig und sehr gut erhalten. Sie ist geprägt von Kolonialbauten im spanischen Stil. Trotz vieler Touristen bzw. Besucher ist die Stadt nicht überfüllt.

Vielleicht auch noch eine kleine Randbemerkung: Der Löwenanteil der Besucher in Quito sind Ecuadorianer, gefolgt von Kolumbianern, Argentiniern und Chilenen. Europäer sind seltener vertreten, und wenn, dann sind es meist Schweizer, Deutsche und Franzosen.

Es gibt umwerfende Restaurants, wie dieses hier, das sich über mehrere Stockwerke um einen überdachten Innenhof erstreckt.

Und unzählige kleine Kirchen mit beeindruckendem Inneren.

Süchtig machende heiße Schokolade und einen funktionierenden öffentlichen Nahverkehr.

Die Basilika

Am Anfang der Altstadt steht die beeindruckende Basilica del Voto Nacional (Basilika des Nationalgelübdes). Sie war bis 2017 das größte neugotische Sakralgebäude in den Amerikas.

Die Basilika entstand aus dem Wunsch, eine ewige Erinnerung an die Weihe der Republik Ecuador an das „Heiligste Herz Jesu“ zu erschaffen. Die Buntglasfenster sind nur einige der vielen Kunstwerke in dieser Kirche.

Über ein Treppenhaus in den beiden Türmen gelangten wir auf einen Zwischenboden über dem Kirchenschiff. Von dort aus gelangt man auf das Dach.

Aber das ist noch nicht das Ende. Die ganz Mutigen können über eine kleine Hühnerleiter noch weiter hinauf auf die Mauerbögen steigen, auf der einen Dachseite hinauf und auf der anderen wieder hinunter. Ich war da außen vor, aber Rainer hat den Aufstieg gewagt. Die Belohnung war eine großartige Aussicht trotz des bewölkten Himmels.

Das Franziskaner Kloster

Die Iglesia y Convento de San Francisco war nicht minder beeindruckend. Ein großer Gebäudekomplex mit mehreren Innenhöfen und einer großen Kirche.

Ein Teil der Räume wurde für eine Ausstellung sakraler Kunst genutzt. Ich muss zugeben, dass mir dazu ein wenig der Zugang fehlt, also gibt es nur ein Foto.

Die Kirche selbst war für Besucher nicht geöffnet, aber es gab eine Empore, die man besuchen konnte. Hier stand die Orgel, und es gab in U-Form angeordnete Sitzreihen, die hin zum Kirchenschiff blickten. Ringsherum waren die Wände mit in Holzpaneele geschnitzten Darstellungen von Heiligen verkleidet. Wenn ihr genau hinschaut, kann man bei einigen noch die Todesursachen erkennen. Sehr gruselig.

Auch hier konnte man in den Glockentürmen hinaufsteigen und hatte einen wunderbaren Blick über die Stadt und die anderen Höfe des Klosters.

Besonders einladend waren jedoch die Innenhöfe, unterschiedlich groß, aber sehr gemütlich und liebevoll gepflegt. In einem war sogar ein kleines Café, das zum Verweilen im Schatten einlud.

Wir hatten uns überlegt, was wohl in den anderen Räumen um die Höfe herum noch sein könnte, bis wir mit der Nase auf die offensichtlichste Lösung gestoßen sind. Das Kloster ist noch bewohnt.

Mehr per Zufall sind wir am Schluss noch in den Keller geraten, und siehe da, immer noch waren nicht alle „Aha“-Momente aufgebraucht. Eigentlich hätten wir es wissen können: Wo Mönche sind, wird auch Bier gebraut. Die Braustube und der Ausschank werden immer noch genutzt. Könnt ihr das Gedicht noch lesen?

Museum

Wir haben in Quito zwei Museen besucht und, ohne vorab großartig darüber nachzudenken, auch für meinen Geschmack die richtige Entscheidung getroffen. Die Besuche haben es möglich gemacht, einen Bogen zu schlagen: die Kunstgegenstände aus der präkolumbianischen Zeit mit ihrem spirituellen und auch ganz banalen praktischen Nutzen den Kunstgegenständen der Moderne zuzuordnen und damit den Sinn besser zu verstehen. Aber seht selbst.

Das Museo del Arte Precolombino Casa del Alabado ist in der Casa del Alabado untergebracht, einem großen alten Stadthaus aus der Kolonialzeit. Hier nur eine kleine Auswahl aus den wundervollen Tonfiguren, die es zu sehen gab.

Die Figuren waren faszinierend und gleichzeitig so fremd. Leider gab es nur sehr wenige Beschreibungen auf Englisch. Wenn es eine Beschreibung gab, dann war diese sehr faktisch: „Roter Ton, Darstellung eines Menschen mit Maske, x. Jahrhundert.“ Damit habe ich mich sehr schwergetan.

Das Mindalae – Ethnohistoric & Crafts Museum of Ecuador bot eine Mischung aus aktueller Kunst, Kunsthandwerk nach alten Vorbildern und vielen Informationen zum spirituellen Hintergrund. Mit diesem Wissen waren mir die echten alten präkolumbianischen Figuren dann nicht mehr so fremd.

Ich beginne mit den Bildern, die die Gesichter der unterschiedlichen indigenen Stämme zeigen. Eine Unterscheidung der Menschen nach ihrer Herkunft.

Das Frauenverständnis aus dieser Zeit!
Zusätzlich darf ich bitte auf die ganz rechte Figur aufmerksam machen. Dass es mehr als nur Mann und Frau gibt, ist also auch schon länger bekannt.

Weben und Flechten und Kopfschmuck.

Moderne indigene Kunst und Dinge, die seit Jahrhunderten auf die gleiche Art gemacht werden. Die Zeichnungen in den Tellern und Schüsseln haben die Frauen mit Pinseln aus ihren eigenen Haaren gemacht, um mit den langen Pinselhaaren gleichmäßige, feine Striche zu ziehen.

Eine Zusammenstellung der Musikinstrumente (Nachbauten), die zu vielen Anlässen gespielt wurden.

Und zum Abschluss noch ein Blick auf die Schamanen. Es waren verschiedene Schamanentische ausgestellt, nur mit traditionellen Figuren und Gegenständen oder auch heutige, auf denen dann durchaus auch mal eine Barbie liegen kann. Im Bildtext lest ihr, warum die Masken und die Schamanenfiguren so aussehen, wie sie es tun. Auch interessant ist, dass es viele Darstellungen gibt, die zeigen, dass im Amazonasgebiet Frauen mit einem Fischschwanz lebten – eine Gestalt, die es scheinbar auf der ganzen Welt gibt.

Natürlich bin ich durch die Besuche nicht zum Experten geworden, aber ich habe einfach das Gefühl, verschiedene Dinge besser zu verstehen. Ich sollte beichten, dass ich leider lange Zeit hin und her überlegt habe, warum es denn „präkolumbianische Kunst“ heißt. Kolumbien gibt es doch schon so lange. Na ja, bis es mir dann wie Schuppen von den Augen fiel: Das Land hieß auch nicht Kolumbien, bevor Kolumbus dort angekommen ist. Kunstgegenstände also, die gemacht wurden, bevor Kolumbus und die Spanier dort ankamen.

Nicht nur im Museum, auch in anderen Ausstellungen gab es immer wieder die unterschiedlichsten Bilder und Darstellungen von tanzenden Menschen in Teufelskostümen zu sehen. Das ist etwas, das so tief im christlichen Glauben verhaftet ist, dass ich es nicht zuordnen konnte – bis ich in einem Text auf einer Tafel die Lösung dafür fand. Die Kolonialisten erlaubten ihren versklavten Menschen und Bediensteten einen freien Tag im Jahr. Dieser Tag entwickelte sich zu einem Fest mit Musik und Tanz. Als eine Art des Widerstandes gegen die Eroberer verkleideten sich viele beim Tanzen als Teufel, denn sie wussten, dass die Christen Angst vor dem Teufel hatten.

Noch eine kleine Klugscheißerei zur Abrundung: Das Amazonasgebiet war vor der Ankunft der Spanier wesentlich dichter besiedelt als später zur Kolonialzeit und lange danach.

So, hier fehlt ein grooooooooooooßes Stück: Galápagos. Diese Inseln haben einen eigenen Beitrag verdient. Also Augen auf – der nächste Beitrag kommt bestimmt.

Blockaden

Klar hatten wir schon davon gehört, aber so richtig getroffen hat es uns erst an diesem Tag. Wir sind auf einer vierspurigen Autobahn (zwei hin, zwei zurück) in Richtung Süden gefahren. Plötzlich ging gar nichts mehr. Es kam aber auch kein Gegenverkehr mehr, und das war der Auslöser für das pure Chaos. Hinter uns kamen auf einmal alle Autos und LKW vorgefahren, um sich direkt neben uns zu stellen. Verschiedene LKW-Fahrer wussten anscheinend mehr und haben mitten in dem Durcheinander gewendet. Auf dem Bild kann man es schön erkennen. Alles, was links von der doppelten gelben Linie ist, sollte eigentlich die Gegenfahrspur sein. Zwischendurch kam mal die Polizei und hat versucht, alles wieder auf zwei Fahrbahnen zu schicken. Das hatte aber nur so lange Erfolg, bis die Politikerfahrzeuge durch waren, dann waren wieder auf vier Bahnen elf Spuren vollgeparkt. Die Passagiere der Collectivos und Überlandbusse sind mit stoischen Gesichtern und ihrem ganzen Gepäck ausgestiegen und in Richtung der nächsten Stadt marschiert. Irgendwie wurde uns damit sehr klar gemacht: „Das hier wird länger dauern.“

Man muss allerdings sagen: Verhungern oder verdursten muss man nicht. Kaum steht ein Auto länger als ein paar Minuten, kommen aus allen Ecken Straßenhändler, die hausgemachtes Essen, Getränke oder Popcorn und karamellisierte Nüsse anbieten. Nach ca. fünf Stunden kam dann plötzlich Bewegung in die Sache. Der Gegenverkehr war zuerst dran. Das hat das Chaos nur größer gemacht, denn alle auf der Gegenspur mussten aus dem Weg, aber keiner wollte seinen Platz so weit vorne aufgeben. Kaum war der Gegenverkehr durch, standen schon wieder alle nebeneinander. Mit viel Gedrängel und Gehupe ging es dann durch den Engpass. Die Polizei hat überwacht, aber solange nichts eskaliert, schreitet sie nicht ein. Kein Gebrüll, keine Schlägereien, kein Angriff auf Polizisten oder Helfer. So unzivilisiert sind nur die Europäer. Sorry, aber das musste raus.

Cotopaxi National Park

Ihr erinnert euch? Der Cotopaxi war jener schöne Herr, der sich gerne in der Abendsonne und am frühen Morgen zeigt.

Angekommen sind wir relativ spät und deshalb nicht mehr in den Nationalpark hineingefahren. Unten am Eingang und an der Rangerstation konnten wir ohne Probleme für die Nacht stehen. Sogar die Besuchertoiletten waren über Nacht offen.

Am nächsten Morgen hatte dann das Café in der Rangerstation geöffnet, und wir haben erst mal einen Kokatee wegen der Höhe getrunken. Der macht nicht high und hilft enorm gegen Kopfschmerzen und Ohrensausen in der Höhe.

Anschließend haben wir uns zum Park Interpretations Center ein paar hundert Höhenmeter weiter oben aufgemacht. Es gab einen schönen Rundwanderweg, auf dem wir ausgiebig die einheimische Flora bestaunen konnten. In der Hütte gab es Informationen zur Geologie von Vulkanen und zur Entstehung der Anden. Hier erspare ich euch mein Laien-Geblubber und verweise bei Interesse auf Wikipedia oder den guten, alten Diercke Weltatlas.

Auf dem weiteren Weg hinauf kommt man an eine weite Hochebene mit Graslandschaft und einem gut bewohnten See, um den ein Wanderweg herumführt.

Die Wolken hingen den ganzen Tag dicht am Himmel, und nur ab und zu ließ sich ein Blick auf den Gletscher am Berggipfel werfen. Wenn man so nah dran ist, zeigt sich der Cotopaxi eher von seiner schüchternen Seite.

Schließlich haben wir es geschafft. Weiter hinauf kommt kein Fahrzeug mehr. Der Parkplatz ist der höchste befahrbare Punkt am Cotopaxi. Jetzt geht es bis zum Refugium, das passenderweise komplett in den Wolken verschwunden ist, nur noch zu Fuß weiter. Falls die Frage aufkommen sollte: Ja, die öffentlichen Kleinbusse, die Collectivos, fahren bis hier herauf.

Beim Zurückfahren zur Rangerstation lag dieser hübsche, pelzige Kerl in der Abendsonne und hat gewartet, bis die Touristen mit ihren lauten und stinkigen Autos endlich weg waren und für die nächtliche Jagd Ruhe eingekehrt war.

Das Fazit unseres Besuchs am Cotopaxi: Die Natur ist grandios, die Höhe überwältigend, aber der Berggipfel selbst ist von weiter weg viel schöner als aus der Nähe.

Beim Weiterfahren sind uns immer wieder Werbebilder für Restaurants aufgefallen. Es war mir bewusst, dass in Ecuador und Peru Meerschweinchen gegessen werden. Nicht als Delikatesse, sondern wie Hühnchen als Alltagsessen für die normalen Leute. Trotzdem kann ich mich meiner kulturellen Prägung nicht entziehen. Während ich Werbetafeln mit grinsenden Schweinen akzeptieren kann, finde ich Werbetafeln mit Meerschweinchen, die dazu einladen, sie zu essen, barbarisch. Ich gebe zu, hier fehlt mir das „Savoir-vivre“.

Alausi

Seit Mexiko ist Ecuador tatsächlich das erste Land, in dem es wieder öffentlichen Bahnverkehr gibt. Einige kleinere Strecken werden ausschließlich zu touristischen Zwecken aufrechterhalten. Man fährt mit einer alten Dampflok vorbei an Vulkanen durch die beeindruckenden Berge und Schluchten. Eine der beliebtesten Strecken ist die Fahrt zur Nariz del Diablo, der „Nase des Teufels“. Ein Berg, auf dessen Bahnstrecke einige Höhenmeter und zwei Spitzkehren mit der Bahn zu überwinden sind.

Übernachtet haben wir etwas außerhalb der Stadt, mit einem weiten Blick über die Landschaft ringsum.

Mitten im Ort ist der kleine Bahnhof, an dem die Bahn abfährt. Der Zug fährt drei Mal am Tag, und jedes Mal bei Abfahrt und Ankunft steht eine Blaskapelle am Gleis, um die Reisenden zu verabschieden oder sie willkommen zu heißen. Live-Musik und viele Menschen – nichts geht hier, ohne dass nicht alle tanzen und sich amüsieren.

Im Zug haben wir dann eine kolumbianische Familie kennengelernt. Einer der Söhne arbeitet und lebt mit Frau und Kind in Cuenca. Also haben seine Eltern und seine zwei Schwestern, davon eine mit Mann und Kind, beschlossen, ihn zu besuchen. Als Unterhaltungsprogramm gab es die Zugfahrt zur Nase des Teufels. Sie haben sich vor Ort mit passenden Ponchos und Hüten eingekleidet und hatten den Spaß ihres Lebens. Aber das allein wäre nicht richtig beschrieben. Sie haben uns unter ihre Fittiche genommen und dafür gesorgt, dass wir uns nicht allein fühlen. Sie haben uns in ihre Gespräche einbezogen und sehr bedauert, dass wir noch keine Enkelkinder haben. Zugfahrt mit vollem Familienanschluss.

Habe ich schon gesagt, dass die Kolumbianer die nettesten Menschen auf diesem Planeten sind?

Hier ein paar Bilder von der abenteuerlichen Fahrt durch die Schluchten.

Am Ende kamen wir in einem kleinen Dorf an, das eigentlich nur aus einem Bahnhof und wenigen restaurierten Gebäuden bestand. Es gab unzählige Möglichkeiten, Fotos zu machen, und natürlich auch eine Aufführung mit historischen Kostümen und Tanz.

Seit Südmexiko gab es an fast allen Straßenständen „Jugo de Caña“ zu kaufen. In den Restaurants gab es das auch mit „Ron“. Es ist eine braune, trübe Brühe, für die wir uns nicht begeistern konnten. Aber ich habe mir auch nie Gedanken gemacht, wie der Saft aus einzelnen Zuckerrohrstangen gepresst wird. Eine Presse, die wie eine Wäschemangel funktioniert, und schon gibt es Saft. Allerdings habe ich gekniffen, die Farbe und das Trübe machen mich einfach nicht an.

Cuenca

Die nächste Stadt auf unserem Weg in den Süden war Cuenca. Es ist eine alte Kolonialstadt, die von zwei Flüssen durchzogen wird: dem Río Tomebamba und dem Río Machángara. Auch hier sind die beiden Flussläufe nicht begradigt oder in ein ausgehobenes Flussbett gezwungen worden. Sie haben ihr breites Bett behalten und zusätzlich rechts und links noch mehrere hundert Meter für eventuelle Hochwasser.

Um das Gelände nicht ungenutzt zu lassen, wurden zwei Parks angelegt, die sich durch die ganze Stadt ziehen. Fahrradwege, Wege zum Joggen, kleine Teiche zum Tretbootfahren, genügend Sportplätze und viele Bänke sowie Spazierwege im Schatten zum Erholen vom Alltag. Ringsum sind großzügig Parkplätze angelegt, auf denen man als Tourist durchaus auch für ein paar Nächte stehen kann.

Eine kleine Klugscheißerei zum Thema Hüte

Cuenca ist auch eine der Hauptstätten der Hutproduktion.
Welche Hüte? Gut, dass ihr fragt.

Der aus alten 50er-Jahre-Filmen so bekannte Panama-Hut ist eigentlich aus Ecuador. Im Original heißt er „Paja Toquilla“. Im 19. Jahrhundert durften Güter aus Südamerika häufig über Panama in die USA eingeführt werden, da Panama ein zentraler Umschlagplatz war. Der Zollstempel vieler Produkte lautete daher „Panama“. So bekam der Hut in den USA und Europa den Namen Panama-Hut. Endgültig verfestigt hat sich das mit einem Bild von Theodore Roosevelt in den Nachrichten, der beim Besuch des Panamakanals genau einen solchen Hut trug.

Die zur Fertigung benötigten Palmfasern stammen von der Toquilla-Palme, die in den Feuchtgebieten der ecuadorianischen Küste wächst. Für das Flechten sind traditionell meist Frauen verantwortlich, in manchen Regionen arbeiten jedoch auch Männer mit. Je nachdem, wie fein die Fasern geschnitten und verarbeitet sind, dauert es zwischen einer Woche und bis zu acht Monaten, bis ein Hutrohling fertig ist.

Auf dem Weg nach Cuenca sind wir schon an einer kleinen Kooperative von Hutflechterinnen vorbeigekommen, deren Gewinne ohne Zwischenhändler direkt wieder bei den Flechterinnen ankommen. Leider waren sie gerade ziemlich ausverkauft. Ich habe mir dort nur einen Hut gekauft.

Museo Del Sombrero De Paja Toquilla

Folgerichtig war unsere erste Anlaufstelle das Museum der Hutmacher. Es ist ein großes Stadthaus, in dem die dort ansässige ehemalige Hutmacherei in ein Museum mit großem Verkaufsraum verwandelt wurde. Am Eingang empfing uns ein junger Mann, der uns auf dem Rundgang mit großem Engagement alles zeigte und erklärte. Man kann den Fortschritt des geflochtenen Hutrohlings betrachten. Je feiner die einzelnen Fasern sind, desto länger dauert das Flechten. Das macht den Preis des Hutes aus. Der „Normal“ kostet um die 60 €, der „Fino“ um die 120 € bis 500 €, der „Super Fino“ geht irgendwo bei über 1.000 € los.

Der Rohling wird dann aus der Flechterei am Pazifik in die Hutmacherei geliefert. Hier wird er grob zugeschnitten und bekommt danach in der Dampfpresse seine typische Form. Am Ende wird die Krempe zugeschnitten und von Hand umgenäht.

Ausgestellt waren auch die verschiedensten Werkzeuge, um einen Hut exakt auf den Kopf des Käufers zuzuschneiden. Das hier ist ein elektrischer Kopf mit verschieden großen Kopfaufsätzen.

Bevor wir dann zum Hutverkauf kamen, gab es einen Raum, in dem die Geschichte der Besitzer der Hutmacherei zu sehen war. Das Unternehmen wurde von einem Ehepaar gegründet. Sie brachte das Haus und er brachte das Handwerk mit in die Ehe. Die acht Kinder der beiden führten das Unternehmen erfolgreich weiter und erweiterten es. Mittlerweile gibt es über 100 Urenkel in der Familie, von denen einige, so wie unser Guide selbst, als Angestellte im Museum arbeiteten und so die Geschichte der Familie mit Stolz weitererzählen.

Nach dem Besuch des Verkaufsraumes und einem harten Kampf mit uns selbst, weil einfach nicht noch mehr Hüte ins Auto passen und auch keiner von uns zu Hause einen Hut aufsetzt, haben wir ohne Großeinkauf abschließend nur noch das kleine Café auf der Dachterrasse des Museums genossen.

Altstadt Cuenca

Die „Catedral de la Inmaculada Concepción“, im Volksmund die „Neue Kathedrale“, ist tatsächlich genau das. Der Bau wurde zwar 1885 begonnen, aber erst im Jahr 1992 endgültig fertiggestellt. Sie hat prächtige blau-weiße Kuppeln über einem riesigen Kirchenschiff.

Natürlich kann man gegen eine kleine Gebühr auch hier auf die Türme steigen und die Aussicht genießen.

Bei ihrem Bau wurde die alte Gasse, die seit dem Mittelalter verschwunden war, restauriert und das angrenzende Gebäude mit einem wunderschönen Innenhof für den Publikumsverkehr geöffnet.

Natürlich gibt es neben der „Neuen Kathedrale“ auch noch die Kirche „El Sagrario“, also die „Alte Kathedrale“.

Abschließend hier noch ein paar Eindrücke aus dem historischen Zentrum von Cuenca.

Parque Naciónal Cajas

Nach so viel Stadt wollten wir wieder etwas Natur genießen. So sind wir zum nächsten Nationalpark aufgebrochen. Der Park Cajas liegt in den Anden auf einer Höhe zwischen 3.000 und 4.000 Metern. Er hat über 235 Seen und unzählige Wanderwege. Außerdem ist er einer der beliebtesten Orte zum (stark reglementierten) Forellenfischen.

Um einen der Seen herum gibt es einen sehr schönen Rundweg, der auch von der Strecke her nicht allzu lang ist. Spontan haben wir beschlossen, den Rundweg zu gehen.

Die Natur ist sehr interessant und schön und für die Höhe erstaunlich vielfältig. Natürlich hat es länger gedauert, als wir dachten, weil es eben nicht flach um so einen See herumgeht. Immer wieder waren Felsen und steile Hügel zu überwinden. Wir hatten noch nicht mal Wasser dabei. Blöder Anfängerfehler. Was wir nicht in Betracht gezogen hatten: Auf 3.000 Metern Höhe läuft es sich auch nicht mehr so einfach. Mit dem dünnen Sauerstoff müssen alle Bewegungen viel langsamer werden und die Pausen öfter und länger. Das Ergebnis: Der Weg wird nicht länger, aber ich brauche einfach mehr Zeit pro Meter.

Übernachtet haben wir auf dem Parkplatz an einer Berghütte und dort eine leckere gebackene Forelle gegessen. Ich konnte die Augen für ein letztes Bild kaum noch aufhalten. Dann bin ich ins Bett und habe geschlafen. So kaputt war ich schon lange nicht mehr.

Die letzten Kilometer durch Ecuador bis zur Grenze nach Peru sind wir an der Küste entlanggefahren. Hier ist es flacher, aber eben auch nicht mehr so schön. Kilometerlang fährt man hier an Bananenplantagen entlang. Dort, wo sich an den Blüten die Bananenstauden entwickeln, kommt ein Sack darüber. Ich habe noch nicht herausgefunden, warum. Leider war das Wetter nicht so toll, so sahen die Städte bestimmt trister aus, als sie sind, und selbst der kleine Regionalpark, den wir zum Übernachten gefunden hatten, hat es nicht mehr rausgerissen.

So, das war Ecuador Festland. Ich werde mich beeilen und den Teil Ecuador Galápagos so schnell wie möglich fertig machen. Beides gehört einfach zusammen.

Ich hoffe, ihr hattet Spaß beim Lesen. Bis bald.

Antje


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